Radierung auf Somerset-Satinpapier, 57 × 76 cm, Foto © Mel Duarte (mit freundlicher Genehmigung von Greengrassi, London)
Vernissage: Samstag, 28. Februar 2026, ab 18 Uhr
Ausstellungsdauer: 1. März bis 10. Mai 2026
Zur Ausstellung:
Die Ausstellung „Fliedergarten“ im Heidelberger Kunstverein präsentiert Werke der 1970 in Osnabrück geborenen und 2022 in Los Angeles verstorbenen Künstlerin Silke Otto-Knapp.
Otto-Knapps Schaffen war im letzten Jahrzehnt sowohl durch ihren Wohnsitz in Los Angeles und eine Professur an der University of California (UCLA) beeinflusst als auch durch ihre regelmäßigen Aufenthalte in einer Hütte auf Fogo Island (Neufundland). Zugleich ist die Entstehung ihrer Werke untrennbar mit zwei Jahrzehnten Leben und Arbeiten in der Metropole London mit ihrem künstlerischen Umfeld verbunden.
Mit ihren Malereien, Gouachen und Druckgrafiken hat Silke Otto-Knapp das Bühnenhafte gesellschaftlicher Räume – Landschaften, Gärten, Großstädte – wie auch die visuelle Konstruktion moderner und zeitgenössischer Ballett- und Tanzaufführungen erforscht.
Flimmernde oder schattenhafte Figuren von Tänzerinnen und Tänzern schweben durch ihre Bilder, mal allein oder zu zweit, wie bei der Probe im Studio, oder auch in choreografierten Gruppen und Ensembles während größerer Aufführungen. In einzelnen Fällen können die fotografischen Vorlagen, die die Künstlerin häufig als Grundlage ihrer Bildkompositionen wählte, auch Modenschauen und -shootings oder Theaterstücken entstammen. Letzteres unterstreicht Otto-Knapps fortwährendes Interesse an der Vermischung von gesellschaftlicher Realität und Formaten performativer Inszenierung.
Eine wichtige formale Entsprechung dieser Faszination in der malerischen Sphäre spielt das Arbeiten mit Gouache und Aquarell direkt auf Leinwand. Die wasserbasierten Farbschichten erlauben der Künstlerin, die gesetzten Formen immer wieder auszuwaschen. Durch das – teilweise über lange Zeiträume – wiederholte Besprühen, Betropfen und Begießen der Leinwand mit Wasser und dem Verreiben und Auswischen werden klare Definitionen zwischen Flächigkeit und Tiefe, Figur und Grund, Schärfe und Unschärfe außer Kraft gesetzt. Der Malprozess verläuft subtraktiv; nicht durch die Addition von Farbflächen, sondern durch deren wiederholte Auflösung formiert sich das Bild. Diesem Verfahren ist ein spekulatives Moment eingeschrieben, das Malerei nicht affirmativ versteht, sondern als Praxis in einen Zusammenhang fortwährender konzeptueller Reflexion einschreibt.
Ein Zentrum der Ausstellung bildet die 76-teilige Radierfolge „Lilac Garden (Rehearsal)“. Der Titel referenziert Antony Tudors „Jardin aux Lilas“ (1936), das als eines der ersten psychologischen Ballette überhaupt gilt. Das Stück thematisiert die affektive Enge sowie die sublimierten Begehren und sozialen Spannungen der bürgerlichen Gesellschaft der damaligen Zeit anhand einer Abendgesellschaft, während der die Protagonisten einer Zweckheirat nochmals versuchen, mit ihren vormaligen Geliebten zusammen zu finden.
Als weiteres Highlight der Ausstellung wird die 128-teilige Radierserie „Three Seascapes“ gezeigt. Hier verschränkt Otto-Knapp drei unterschiedliche Referenzsysteme: die phänomenologische Weite der Küste Neufundlands, innerhalb der vorbeitreibende Eisberge nicht nur den Begriff der Aura herbeizitieren, sondern zugleich vom fortschreitenden Abschmelzen des Eises erzählen; die symbolistisch aufgeladene Topografie von Edvard Munchs Sommeraufenthalt in Åsgårdstrand; und die strukturelle Offenheit der experimentellen Choreografie „Three Seascapes“ (1966) der US-amerikanischen Tanzpionierin Yvonne Rainer.
Rainers Ansatz, Bewegung phänomenologisch und ohne narrativen Überbau zu behandeln, findet in Otto-Knapps Umgang mit dem Medium der Radierung eine materielle Entsprechung, in dem sie sich aus der Logik und den Maßgaben des Materials herleiten – und nicht aus dessen Überwindung. Durch das Verfahren, für ihre Serien ein festes Set von Druckplatten in variierenden Kombinationen wiederholt übereinanderzuschichten, entstehen zudem Bildfolgen, die nicht als statische Einzelwerke, sondern als Abläufe fungieren, und eine cinematografische Sequenzialität erzeugen. Die rasterförmige Hängung im Heidelberger Kunstverein spiegelt diese serielle Logik wider.
Weitere Arbeiten umfassen u.a. eine Serie von Wasserfarben, die sich mit der visionären Landschaftsauffassung des William-Blake-Schülers Samuel Palmer beschäftigen, eine wandgroße keramische Arbeit mit Bezug auf Rainer Werner Fassbinders „Warnung vor einer heiligen Nutte“ oder die stille Werkgruppe „Coastline (Midnight Sun/Full Moon)“, die auf der Nutzung von gealtertem Papier aus dem Nachlass von Robert Rauschenberg basiert.
Die Ausstellung macht erfahrbar, dass Silke Otto-Knapps Kunst die Bühne nicht als Illustration, sondern als gesellschaftliches Prinzip und erkenntnistheoretisches Modell nutzt, um die Mechanismen von Beobachtung, Teilhabe und Repräsentation innerhalb einer visuellen und performativen Kultur der Gegenwart zu untersuchen. Durch die Aneignung von Kompositionschiffren der Bühne in das Dispositiv des malerischen Bildraums werden Kontexte wie Park, Stadt, Glashaus, Bühne, Ballett und Tanz – letzteren trägt die Auswahl der in der Ausstellung präsentierten Malereien besonders Rechnung – zu Versuchsräumen, innerhalb derer menschliche Begehren als zugleich modellhaft zeitlos wie auch ungreifbar, und stets vom Mond als einer Art blassen Scheinwerfer in Szene gesetzt werden.
Kuratiert von Søren Grammel mit Cornelia Grassi.
Bildnachweis: Radierung auf Somerset-Satinpapier, 57 × 76 cm, Foto © Mel Duarte (mit freundlicher Genehmigung von Greengrassi, London)
Adresse:
Heidelberger Kunstverein
Hauptstraße 97, 69117 Heidelberg
Telefon: 06221 184086
Öffnungszeiten
Dienstag – Sonntag 11 – 18 Uhr
Feiertage 11 – 18 Uhr